2006 - Koproduktion: Autorentheater Berlin / Literaturhaus Berlin

<Leonida> von Volker Lüdecke

Uraufführung am 1. Juli 206 im großen Saal vom Literaturhaus Berlin

Autor: Volker Lüdecke

Regie: Hermann Treusch

Leonida: Klara Höfels

Regieassistenz: Johanna Schütze

Foto: Charlotte Burchard

Grafik: Diana Zarkadakis

Bühne/Kostüm: Klara Höfels 

 

Uraufführung am 1. Juli 2006 im großen Saal des Literaturhauses Berlin

                                      Leonida von Volker Lüdecke

 

Leonida, als feminine Firmenikone in Prospekten, Werbefilmen und im Internet präsent, ist in Wirklichkeit außer Form geraten. Innerbetrieblich schon lange auf dem Abstellgleis, besteht eine zahlungskräftige Delegation aus der Provinz darauf mit der aus der Feme Bewunderten, persönlich zu dinieren. Leonida sieht ihre Chance.

Leonida im Literaturhaus Berlin
Foto Charlotte Burchard

Die Bühne braucht den Klinsmann-Effekt

 

Bislang sind alle Versuche gescheitert,

doch diesmal könnte es klappen:

das Autorentheater Berlin entsteht.

 

Das Hanteltraining ist Leonidas letzte Chance. Einst Werbeikone und Aushängeschild der Firma, ist das Broschüren-Girlie in der innerbetrieblichen Hack- und Entlohnungsordnung grandios abgeschmiert. Irgendwie muss die große Sinnfrage oder ein anderweitiger Mangel an Selbstdisziplin übers adrette Fräulein hereingebrochen sein. Jedenfalls trägt Leonida jetzt an einem satten westeuropäischen Überflusskummer - Speckbauch: die Schauspielerin Klara Höfels steht in Volker Lüdeckes Monodrama „Leonida“ mit einem voluminösen Polsteranzug auf der Bühne und turnt mit trendverdächtigen Hüpfübungen gegen die Fettleibigkeit als Körperzustand und Metapher an. Eine zahlungskräftige Chinesische Delegation, die Leonida schon lange aus der Ferne vergöttert, hat sich zum Dinner angemeldet. Also probt die abgerutschte Miss Europa an der Hantel eine aufmüpfige Rede zur Lage der Nation, in der der Mythos von Zeus und Europa mit der europäischen Gegenwart kollidiert, globale Bedenklichkeiten sich im Einzelschicksal spiegeln und dürre Prolit-Fakten von Höfels Spiel versinnlicht werden.

Tatsächlich entstand diese Stückversion, die jetzt im Autorentheater Berlin im Literaturhaus Premiere hatte in direkter Zusammenarbeit des Autors mit der Schauspielerin sowie dem Regisseur Hermann Treusch. Genau wie die neuen Theatertexte, die die Initiatorin und künstlerische Leiterin Klara Höfels hier seit einem Jahr an jedem ersten Sonntag im Monat von wechselnden Regisseuren, Schauspielern und Autoren in szenischen Lesungen vorstellen lässt.

 

Inhalt und Präsentationsformen sind nicht neu: Institutionen wie die Berliner Schaubühne, das Hamburger Thalia Theater oder der Stückemarkt des Theatertreffens haben sich als dramatische Trend-und Talentscouts längst etabliert. Nur werden die Autoren bei Höfels direkt in den theatralischen Produktions-, sprich: den Probenprozess einbezogen: Ein Konzept, dass man von amerikanischen oder europäischen Erfolgsbühnen wie dem Londoner Royal Court Theatre kennt und das im Idealfall allen Beteiligten Inspirationsschübe oder gar neue Arbeitserkenntnisse beschert.

„Wenn die Gruppe die Möglichkeit hätte, über einen Probenzeitraum von vier, sechs Wochen gemeinsam mit dem Autor am Text zu arbeiten, könnten aus vielen Stücken, die noch Schwachstellen haben, richtig starke Dramen entstehen“, ist die Theaterleiterin überzeugt. Höfels verficht, mit anderen Worten, eine Art Klinsmanisierung des deutschen Theaters: Mit Teamgeist, Selbstvertrauen und kollektiver Inspiration soll aus heftig differierenden Einzelleistungen das optimale Ganze entstehen. Wie weit man es im Idealfall damit bringen kann, ist bekannt.

 

Alles andere als ideal sind allerdings die Rahmenbedingungen. Zwar unterstützen renommierte Schauspieler und Regisseure wie Wiebke Frost, Miriam Goldschmidt oder eben Hermann Treusch die Initiative. Aber von vier-bis sechswöchigem Probenluxus kann natürlich keine Rede sein: Mehr als drei Leseproben sind nicht drin; das Autorentheater bekommt keinerlei finanzielle Zuwendungen. Gearbeitet wird komplett unentgeltlich, den Saal stellt das Literaturhaus mietfrei zur Verfügung, und alle weiteren Ausgaben bestreitet Höfels aus ihrer Privatkasse - logischerweise kein dauerhaftes Finanzierungsmodell.

 

„Ich zahle ja immer noch an der Miete fürs Schlosspark-Theater ab“, sagt die Prinzipalin mit kalifornischem Optimismus. Die Rede ist von einer aussichtsreichen Sommerepisode aus dem Jahr 1994, als sich Höfels gemeinsam mit dem Regisseur Christian Achmed Gad Elkarim um die Leitung des Berliner Schlosspark-Theaters bewarb. Höfels und Gad Elkarim unterlagen damals knapp Heribert Sasse, hatten das Haus aber trotzdem für ein paar Vorstellungen gemietet, um sich - vom Stuttgarter Theater kommend - in der Hauptstadt mit ihren Autoren-Konzept vorzustellen.

So ist das Autorentheater Berlin bereits Höfels vierter Anlauf: Dreimal stand die an der Essener Folkwang-Hochschule ausgebildete Schauspielerin, die später noch ein Kulturmanagement-Studium absolviert, kurz vorm Ziel. Am dichtesten dran war sie 1998, als sie mit dem Dramatiker Oliver Bukowski ihr Autorentheater in der Tribüne etablieren wollte. Nur entzweite sich das Team in letzter Sekunde über künstlerische Fragen: die von Höfels engagierten Mitstreiter lancierten plötzlich andere Ideen als die Initiatorin selbst, so dass die sich gezwungen sah, alle Anträge zurückzuziehen. Nach Höfels Ausstieg überlebte das Projekt keine vier Monate.

 

Und jetzt also das Autorentheater Berlin Version 06 - eine große Energieleistung, wenn man bedenkt, dass Höfels auf Ihrem Lebensweg sicher gemütlicher hätte voranschreiten können - als prominent besetzte Schauspielerin an Bühnen in Frankfurt, München oder dem Staatstheater Stuttgart.

 

Höfels hat große Pläne. Die Szenischen Lesungen sollen nur ein erster Schritt sein. Stattdessen will sie richtige Inszenierungen erarbeiten. Einen Partner hat sie schon: das Scena Theatre Washington möchte das Otho Eskin Stück „Duett“, dass das Autorentheater in Szenischer Lesung präsentiert, koproduzieren. Voraussetzung allerdings ist, dass sie für die Geschichte über die Begegnung von Sarah Bernard und Eleonore Duse, die in den USA gerade verfilmt wird, vorher ein deutsches Theater als weiteren Koproduktionspartner finden.